Jede Nacht

Er schlägt die Augen auf. Es ist stockdunkeldunkel, nur die digitalen Lettern des Weckers verwandeln die Schwärze in ein gespenstisches Grün. Er hebt den Kopf, blinzelt. Die Zahlen verschwimmen, tanzen, schärfen sich: 03:05 Uhr.
Auf seinem linken Arm fühlt er ihr vertrautes Gewicht, spürt ihre Wärme, ihre nackte Haut auf seiner. Ihr Atem geht ruhig. Ihr Haar duftet nach Vanille, Papaya und Geborgenheit. Er gähnt, schmatzt, kuschelt sich an sie – doch vergebens. Der Ruf der Natur ist stärker.
Vorsichtig zieht er seinen Arm unter ihrem Kopf hervor, schält sich aus der Decke und stemmt sich in die Höhe. Gänsehaut überzieht seinen Körper sofort. Langsam schleicht er durch das Zimmer, ein Schritt nach dem anderen. Bei der Tür wirft er einen Blick zurück.
Geschafft. Sie ist nicht aufgewacht.
Durch den Gang ins Bad. Licht von draußen spielt Picasso an der Wand. Er schlägt sein Wasser ab. Über ihm durchs Dachfenster leuchtet der Mond, färbt seine Haare silbern.
Er wäscht sich die Hände, kehrt zurück, ebenso leise wie er ging. Sein Platz ist bereits ausgekühlt, die Decke wieder kalt – doch sie ist warm. Er schlingt den Arm um sie, fährt ihre Rundungen nach. Über die Schulter, die Brust, hinab …
„Boah! Behalt deine kalten Hände gefälligst bei dir! Jede Nacht dasselbe!“

aklsddfiaslfu

Endlich Zeit zum Schreiben! Er schaltete den Computer ein und unterdrückte ein Gähnen. Ein langer Tag lang hinter ihm – so viele Freunde hatten ihn besucht, ihm gratuliert, mit ihm angestoßen und Kuchen gegessen. Kuchen und Kaffee, Gespräche und Gelächter. Er hatte sich gefreut, sie alle wiederzusehen, und doch – tief in ihm, da war es erwacht, das Verlangen zu schreiben.
Plötzlich sah er ihn vor sich, Aaron von Ostwald, wie er vor den König trat und im Rat das Wort ergriff. Mit leisen, wohlabgewogenen Worten begann er. Sein Blick schweifte durch den Saal, über die wohlvertrauten Gesichter, blieb hier und dort hängen, durchleuchtete das Publikum.
Aarons Worte fesselten die Jungen, trafen die Alten, ließen sie unruhig auf den gepolsterten Bänken hin und herrutschen. Es schmeckte ihnen nicht, was er sagte – und doch, was konnten sie ihm entgegen?
Als Aaron seine Rede schloss, erntete er verhaltenen Applaus. Er bedankte sich, verneigte sich.
Er gähnte, sein Kopf wurde schwer, kippte nach vorne, Tisch und Tastatur wurden qü0dsujfaosdfuqekfdjkl ahsdfkasdjfa posdruj ksdfo hadfkahjhdkf hadkf aksdhf9khdkfjakd igze8ikdh igdhnasnf kdfghaksdh gnalksdhg kdahe86gidkgh adhfhkghn kasdhkgn dkhaskdgh nkdhga9wekdhgkkdkgnn kdhgek dithldfkjf jdkfjaliwel gz9qdmknv,ylei n iehfln ovihe

In einer perfekten Nacht

In einer perfekten Nacht ist es Sommer und du bist bei mir. Ich wache auf, blinzle den Schlaf aus meinen Augen, versuche die Dunkelheit zu durchdringen. Ein Traum hat mich geweckt, ein Alb mich gepiesackt. Ich wende mich zu dir um, bin in Versuchung, dich zu wecken, dir davon zu erzählen. Doch ich kann mich nicht mehr erinnern.
Ich lausche auf mein Herz, das Klopfen wird langsamer, beruhigt durch deinen tiefen Atem. Ich spüre deine Wärme, weiß, du bist bei mir. Ich fühle mich sicher, geborgen.
Langsam wird mir die drückende Schwüle bewusst. Das Fenster ist offen, es bringt keine Linderung.
Von draußen höre ich die Grillen zirpen, sie geben ihr nächtliches Konzert, vermischt mit dem leisen Gurgeln eines nahen Kanalschachts.
Ich setze mich auf, sehe, dass deine Decke bis zur Hüfte hinuntergerutscht ist. Die Schwüle. Du hast dich selbst im Schlaf befreit und ich muss unwillkürlich lächeln. Nie kann ich dich schützend zu- oder aufdecken, stets kommst du mir zuvor.
In einer perfekten Nacht werden wir von der drückenden Luftfeuchtigkeit erlöst. Petrus hat ein Einsehen, Regentropfen bahnen sich ihren Weg zur Erde. Die Grillen werden von der Bühne verjagt, ein Trommelsolo auf dem Dach unseres Hauses beginnt. Das Gurgeln des Kanals schwillt an und der Schreck fährt mir durch alle Glieder, als es bedrohlich donnert, erst fern, dann ganz nah. Gänsehaut überzieht meinen Körper, als es schlagartig kühler wird. Aber du, du schläfst einfach weiter.
Vorsichtig schäle ich mich aus der Decke und taste mich zum Bettrand, denn in einer Nacht wie dieser überfällt mich die Inspiration. Ich erhebe mich, versuche nicht über unsere Kleider auf dem Boden zu fallen, hole mir Stift und Papier. Ich schleiche zum Fenster und ziehe die Vorhänge zurück, denn ich will kein Licht machen, um dich nicht zu wecken. Vetter Mond steht am Himmel, hell und voll, er allein sieht mir zu und schenkt mir Licht. Ich beginne zu schreiben, langsam, zögernd, stockend. Dann immer schneller, im Rhythmus des Trommelns, die Idee ist gereift, die Worte fließen.
In einer perfekten Nacht schreibe ich Zeilen wie diese. Und ich mache nicht den Fehler, dass ich bei einem Gewitter den Mond nicht sehen kann.

Zug

Takataka. Takataka. Rhythmisch jagt er dahin, rasend lässt der Zug die Welt hinter sich, unberührbar jenseits des Fensters. Wälder, Bäume, Blätter und Wiesen, Gräser, Halme – sie alle werden eins, durchmischt mit Häusern und Höfen, dahinter die Berge. Mächtige graue Spitzen, vom letzten Sonnenstrahl orange gepinselt, streicheln grau-schwarzen Wolken die Bäuche, zärtlich und behutsam beinahe. Die Sonne verabschiedet sich, Berge und Wolken vereinen sich unter der Decke der Nacht.
Ich spüre, wie wir langsamer werden, Lichter ziehen an meinem Fenster vorbei. Erst verschwommen, dann klar, hundert Einblicke in fremde Leben.
Auf dem Bahnsteig ungeduldige Mienen, fragend erhobene Augenbrauen und lachende Gesichter. Die Menschen um mich erheben sich von ihren vier Buchstaben, packen ihre sieben Sachen, machen den schmalen Gang zwischen den Sitzen zur Einbahn. Raus, nur raus – ehe sich die Richtung ändert, neue Gesichter steigen ein, blicken sich scheu um, suchen freie Plätze, hasten durch die Reihen.
Hie und da fragt ein Mutiger, ob ein Platz noch frei wäre. Missbilligende Blicke, undeutliches Gemurmel und verzagtes Platznehmen sind die Folge. Mancher hat das Pech, auf alte Leute zu treffen. Sie erzählen von früher, vom Krieg oder der Zeit danach. Als man beim Zugfahren noch freundliche Menschen traf, als es noch Abteile und fünfzehnhundertzweiundvierzig Klassen gab und die Leute froh sein mussten, wenn einmal im Monat ein Zug in die Hauptstadt ging.
Langsam setzen wir uns wieder in Bewegung, die Gesichter am Bahnsteig verblassen. Lachen dringt an mein Ohr: An einen Tisch mit Platz für vier hat sich ein Pärchen gesetzt. Grinsen über beide Ohren, teilen, löffeln Eis aus einem billigen Becher aus Pappe. Er kleckert, sie fährt ihm mit dem Finger über die Wange, wischt den Patzer aus dem Bart, leckt den Finger ab. Lachen, freuen, küssen.
Zweisam im Zug. Sonst sieht keiner den andern, jeder ist allein.
Ich seufze, ertappe mich dabei, sie zu beobachten. Ich spüre Hitze in meinen Wangen, sehe zu Boden, hefte den Blick starr auf meine Schuhe. Denke an mein Buch, viel zu kurz und längst gelesen.
Tap. Mein Blick geht zum Fenster. Tap. Tap. Langsam, aber stetig hämmern sie gegen das Fenster. Regentropfen. Der Fahrtwind verweht sie, zieht Striche und Linien. Das Pärchen gegenüber wird gespiegelt, hält sich eng umschlungen. Zwei dünne Linien treffen sich, formen ein Kinn. Der Wind malt dein Gesicht vor die dunkle Welt.
Ich wünschte, du wärest hier.

Dieser Text ist ein Beitrag (besser: ein Nachtrag, da viel zu spät abgegeben) zur zweiten Rude des Projekts *.txt, bei dem Autoren 21 Tage haben, um zu einem gezogenen Wort einen Text zu verfassen. Mehr zum Projekt gibt es hier, das Wort der ersten Runde war wünschen.

Late Knight

Zielgenau landet er auf der Kante. Die Wucht des Aufpralls kippt ihn nach vorne, zwingt ihn in die Knie. Seine Hand schießt nach unten, streicht über rauen Beton, hält sich fest, fängt ihn ab.
Langsam erhebt er sich, atmet tief ein und aus.
Vor ihm der Abgrund, die Häuserschlucht, in der das Leben der Stadt pulsiert, grell leuchtend. Über ihm der Himmel, dunkel, von Smog verhangen, jedwedes Lichtes beraubt, vom Glanz der Stadt überstrahlt.
Die Nacht ist kühl, lässt seinen Atem dampfen. Der Wind reißt an ihm, schneidend kalt, rötet seine Wangen, verfängt sich in seinem Cape, bläst es auf. Irgendwo schlägt eine Turmuhr dreimal.
Wachsam lässt er seinen Blick über die Straßen schweifen. Trotz der späten Stunde summt, brummt, hupt der Verkehr, pulsiert wie das Blut in verstopften Adern, Teilchen für Teilchen aneinander gekettet.
Inmitten der Lichterketten blitzt es blau auf. Er atmet tief ein, sein Herz macht einen Satz. Er streckt die Arme, reckt die Finger, lässt die Knöchel knacken. Schon erhebt es sich über der Stadt, das Heulen, wie jede Nacht. Während die Sirenen singen, sausen sie dahin, aus allen Ecken kommen sie gekrochen, blau blitzende Einsatzfahrzeuge. Manchmal mischt sich ihr Gesang mit dem dumpfen Knallen von Revolvern oder dem rhythmischen Rattern der Maschinenpistolen. Reifen pfeifen, Blech scheppert.
Er hält inne, schließt die Augen, hält den Atem an. Lauscht, lässt die Geräusche auf sich wirken, spürt ihnen nach, saugt sie in sich auf.
Eins, zwei, drei. Gleich ist es soweit.
Er wirbelt auf dem Absatz herum, der Abgrund greift nach ihm, er schlägt die Augen auf, blickt zum Himmel.
Da ist es.
Wie jede Nacht.
Wie der Blitz stößt er sich ab, schnellt nach vorne. Zerschneidet die Luft. Der Wind umschlingt ihn, versucht ihn zu halten, doch er ist schneller, weicht ihm aus, unterläuft ihn, lässt sich treiben. Unter seinen Absätzen knirscht das Kies der Dachterrassen, hallt das Holz der Balkone, klingt das Metall der Geländer. Wie ein Schatten rast er dahin, jagt das Heulen, das blaue Blitzen, zielgerichtet wie ein Pfeil.
Das Heulen wird lauter, dann verstummt es. Er springt über die letzte Dachkante, schwingt sich über eine Schlucht, hält inne. Unter ihm das blaue Blitzen, regungslos. Aufgeregte Rufe, Schüsse. Männer in Uniformen, Scheinwerfer. Sie umstellen einen Hauseingang, davor ein grüner Ford Mustang. Einschusslöcher überziehen ihn wie Sommersprossen. Die Türen sind weit aufgesperrt, der Wagen verlassen.
Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, er schwingt sich hinab, über die Köpfe der Schaulustigen hinweg. Federnd landet er in ihrer Mitte, taucht unter der hastig aufgestellten Absperrung hinweg.
Ein dicker Polizist will sich ihm in den Weg stellen, er ignoriert ihn.
„Wartet!“, will er ihnen zurufen, „Ich mache das schon.“
Im selben Moment erhebt sich Geschrei, Schüsse fallen im Gebäude, die Tür geht auf. Polizisten quellen heraus, in ihrer Mitte zwei Männer in abgerissener Kleidung, in Handschellen.
Ein alter Mann mit Brille und Trenchcoat stellt sich ihm in den Weg, schüttelt den Kopf. „Tut mir leid. Heute bist du zu spät.“