In einer perfekten Nacht

In einer perfekten Nacht ist es Sommer und du bist bei mir. Ich wache auf, blinzle den Schlaf aus meinen Augen, versuche die Dunkelheit zu durchdringen. Ein Traum hat mich geweckt, ein Alb mich gepiesackt. Ich wende mich zu dir um, bin in Versuchung, dich zu wecken, dir davon zu erzählen. Doch ich kann mich nicht mehr erinnern.
Ich lausche auf mein Herz, das Klopfen wird langsamer, beruhigt durch deinen tiefen Atem. Ich spüre deine Wärme, weiß, du bist bei mir. Ich fühle mich sicher, geborgen.
Langsam wird mir die drückende Schwüle bewusst. Das Fenster ist offen, es bringt keine Linderung.
Von draußen höre ich die Grillen zirpen, sie geben ihr nächtliches Konzert, vermischt mit dem leisen Gurgeln eines nahen Kanalschachts.
Ich setze mich auf, sehe, dass deine Decke bis zur Hüfte hinuntergerutscht ist. Die Schwüle. Du hast dich selbst im Schlaf befreit und ich muss unwillkürlich lächeln. Nie kann ich dich schützend zu- oder aufdecken, stets kommst du mir zuvor.
In einer perfekten Nacht werden wir von der drückenden Luftfeuchtigkeit erlöst. Petrus hat ein Einsehen, Regentropfen bahnen sich ihren Weg zur Erde. Die Grillen werden von der Bühne verjagt, ein Trommelsolo auf dem Dach unseres Hauses beginnt. Das Gurgeln des Kanals schwillt an und der Schreck fährt mir durch alle Glieder, als es bedrohlich donnert, erst fern, dann ganz nah. Gänsehaut überzieht meinen Körper, als es schlagartig kühler wird. Aber du, du schläfst einfach weiter.
Vorsichtig schäle ich mich aus der Decke und taste mich zum Bettrand, denn in einer Nacht wie dieser überfällt mich die Inspiration. Ich erhebe mich, versuche nicht über unsere Kleider auf dem Boden zu fallen, hole mir Stift und Papier. Ich schleiche zum Fenster und ziehe die Vorhänge zurück, denn ich will kein Licht machen, um dich nicht zu wecken. Vetter Mond steht am Himmel, hell und voll, er allein sieht mir zu und schenkt mir Licht. Ich beginne zu schreiben, langsam, zögernd, stockend. Dann immer schneller, im Rhythmus des Trommelns, die Idee ist gereift, die Worte fließen.
In einer perfekten Nacht schreibe ich Zeilen wie diese. Und ich mache nicht den Fehler, dass ich bei einem Gewitter den Mond nicht sehen kann.

Zug

Takataka. Takataka. Rhythmisch jagt er dahin, rasend lässt der Zug die Welt hinter sich, unberührbar jenseits des Fensters. Wälder, Bäume, Blätter und Wiesen, Gräser, Halme – sie alle werden eins, durchmischt mit Häusern und Höfen, dahinter die Berge. Mächtige graue Spitzen, vom letzten Sonnenstrahl orange gepinselt, streicheln grau-schwarzen Wolken die Bäuche, zärtlich und behutsam beinahe. Die Sonne verabschiedet sich, Berge und Wolken vereinen sich unter der Decke der Nacht.
Ich spüre, wie wir langsamer werden, Lichter ziehen an meinem Fenster vorbei. Erst verschwommen, dann klar, hundert Einblicke in fremde Leben.
Auf dem Bahnsteig ungeduldige Mienen, fragend erhobene Augenbrauen und lachende Gesichter. Die Menschen um mich erheben sich von ihren vier Buchstaben, packen ihre sieben Sachen, machen den schmalen Gang zwischen den Sitzen zur Einbahn. Raus, nur raus – ehe sich die Richtung ändert, neue Gesichter steigen ein, blicken sich scheu um, suchen freie Plätze, hasten durch die Reihen.
Hie und da fragt ein Mutiger, ob ein Platz noch frei wäre. Missbilligende Blicke, undeutliches Gemurmel und verzagtes Platznehmen sind die Folge. Mancher hat das Pech, auf alte Leute zu treffen. Sie erzählen von früher, vom Krieg oder der Zeit danach. Als man beim Zugfahren noch freundliche Menschen traf, als es noch Abteile und fünfzehnhundertzweiundvierzig Klassen gab und die Leute froh sein mussten, wenn einmal im Monat ein Zug in die Hauptstadt ging.
Langsam setzen wir uns wieder in Bewegung, die Gesichter am Bahnsteig verblassen. Lachen dringt an mein Ohr: An einen Tisch mit Platz für vier hat sich ein Pärchen gesetzt. Grinsen über beide Ohren, teilen, löffeln Eis aus einem billigen Becher aus Pappe. Er kleckert, sie fährt ihm mit dem Finger über die Wange, wischt den Patzer aus dem Bart, leckt den Finger ab. Lachen, freuen, küssen.
Zweisam im Zug. Sonst sieht keiner den andern, jeder ist allein.
Ich seufze, ertappe mich dabei, sie zu beobachten. Ich spüre Hitze in meinen Wangen, sehe zu Boden, hefte den Blick starr auf meine Schuhe. Denke an mein Buch, viel zu kurz und längst gelesen.
Tap. Mein Blick geht zum Fenster. Tap. Tap. Langsam, aber stetig hämmern sie gegen das Fenster. Regentropfen. Der Fahrtwind verweht sie, zieht Striche und Linien. Das Pärchen gegenüber wird gespiegelt, hält sich eng umschlungen. Zwei dünne Linien treffen sich, formen ein Kinn. Der Wind malt dein Gesicht vor die dunkle Welt.
Ich wünschte, du wärest hier.

Dieser Text ist ein Beitrag (besser: ein Nachtrag, da viel zu spät abgegeben) zur zweiten Rude des Projekts *.txt, bei dem Autoren 21 Tage haben, um zu einem gezogenen Wort einen Text zu verfassen. Mehr zum Projekt gibt es hier, das Wort der ersten Runde war wünschen.