Leinen los

Conrad saß auf der kleinen Bank, oben auf der Klippe. Er atmete tief ein, roch das Meer unter sich, spürte die frische Brise auf seiner Haut. Unten am Hafen entrollten sich soeben die Segel an einer stolzen Galeone, die zu neuen Abenteuern in See stach. Ja, hier war der perfekte Ort. In ihm regte sich der Drang, zog ihn zum Papier. Er tunkte den Federkiel in das kleine Tintenfässchen, glättete den Bogen Papier und begann …

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden.
sich wölbt und bewegt,
wird auch das Empfinden
des andern erregt.

Begehrt eins zu rasten,
Das andre geht schnell,
so …

„Hey!“ Fassungslos starrte er hinunter auf die Bucht, wo der Wind eben noch seine perfekte Paarmetapher geküsst hatte, reichte soeben eines der Segel die Scheidung ein und flog davon …

 


Dieser Text entstand unter Verwendung des Gedichtes „Zwei Segel“ von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898). Das Originalgedicht findet sich hier.

 

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Zug

Takataka. Takataka. Rhythmisch jagt er dahin, rasend lässt der Zug die Welt hinter sich, unberührbar jenseits des Fensters. Wälder, Bäume, Blätter und Wiesen, Gräser, Halme – sie alle werden eins, durchmischt mit Häusern und Höfen, dahinter die Berge. Mächtige graue Spitzen, vom letzten Sonnenstrahl orange gepinselt, streicheln grau-schwarzen Wolken die Bäuche, zärtlich und behutsam beinahe. Die Sonne verabschiedet sich, Berge und Wolken vereinen sich unter der Decke der Nacht.
Ich spüre, wie wir langsamer werden, Lichter ziehen an meinem Fenster vorbei. Erst verschwommen, dann klar, hundert Einblicke in fremde Leben.
Auf dem Bahnsteig ungeduldige Mienen, fragend erhobene Augenbrauen und lachende Gesichter. Die Menschen um mich erheben sich von ihren vier Buchstaben, packen ihre sieben Sachen, machen den schmalen Gang zwischen den Sitzen zur Einbahn. Raus, nur raus – ehe sich die Richtung ändert, neue Gesichter steigen ein, blicken sich scheu um, suchen freie Plätze, hasten durch die Reihen.
Hie und da fragt ein Mutiger, ob ein Platz noch frei wäre. Missbilligende Blicke, undeutliches Gemurmel und verzagtes Platznehmen sind die Folge. Mancher hat das Pech, auf alte Leute zu treffen. Sie erzählen von früher, vom Krieg oder der Zeit danach. Als man beim Zugfahren noch freundliche Menschen traf, als es noch Abteile und fünfzehnhundertzweiundvierzig Klassen gab und die Leute froh sein mussten, wenn einmal im Monat ein Zug in die Hauptstadt ging.
Langsam setzen wir uns wieder in Bewegung, die Gesichter am Bahnsteig verblassen. Lachen dringt an mein Ohr: An einen Tisch mit Platz für vier hat sich ein Pärchen gesetzt. Grinsen über beide Ohren, teilen, löffeln Eis aus einem billigen Becher aus Pappe. Er kleckert, sie fährt ihm mit dem Finger über die Wange, wischt den Patzer aus dem Bart, leckt den Finger ab. Lachen, freuen, küssen.
Zweisam im Zug. Sonst sieht keiner den andern, jeder ist allein.
Ich seufze, ertappe mich dabei, sie zu beobachten. Ich spüre Hitze in meinen Wangen, sehe zu Boden, hefte den Blick starr auf meine Schuhe. Denke an mein Buch, viel zu kurz und längst gelesen.
Tap. Mein Blick geht zum Fenster. Tap. Tap. Langsam, aber stetig hämmern sie gegen das Fenster. Regentropfen. Der Fahrtwind verweht sie, zieht Striche und Linien. Das Pärchen gegenüber wird gespiegelt, hält sich eng umschlungen. Zwei dünne Linien treffen sich, formen ein Kinn. Der Wind malt dein Gesicht vor die dunkle Welt.
Ich wünschte, du wärest hier.

Dieser Text ist ein Beitrag (besser: ein Nachtrag, da viel zu spät abgegeben) zur zweiten Rude des Projekts *.txt, bei dem Autoren 21 Tage haben, um zu einem gezogenen Wort einen Text zu verfassen. Mehr zum Projekt gibt es hier, das Wort der ersten Runde war wünschen.