Pflastersteine II

Ich konnte noch nie meine Augen von dir lassen – nicht, seit du damals, in meinem ersten Semester, mit diesem süßen Lächeln den Seminarraum und damit meine Welt betreten hast. Der Zufall wollte es so, dass der einzige freie Platz in dem überfüllten Kurs der neben mir war. Wie alle Erstsemester, so kannten auch wir niemanden und als der Professor die Arbeitsgruppen einteilte, war es nur natürlich, dass wir – als Bekannte seit fünf Minuten – gemeinsam ein Team bildeten und uns eines der weniger langweiligen Referatsthemen sicherten.

Es war der Beginn einer langen, fruchtbaren Freundschaft. Semester um Semester stimmten wir unsere Stundenpläne ab, hielten uns gegenseitig Plätze frei und halfen uns durch Tests und Prüfungen. Es hätte so viele Gelegenheiten gegeben… als wir uns im Wintersemester die Nächte mit gemeinsamer Projektarbeit bei dir um die Ohren schlugen, als wir uns gegenseitig bei mir Lernstoff abprüften oder – mir schwinden noch immer die Sinne – als du beim letzten Volleyball-Turnier der Hochschülerschaft oben ohne angetreten bist… Aber ich habe mich nie getraut.

Nun stehe ich vor deiner Wohnung, um dich zu einem Vortrag abzuholen. Ein Vortrag, der mich eigentlich nicht interessiert, über das Liebesleben der Pflastersteine… und ich bin zu früh. Viel zu früh, wie ein Blick auf meine Armbanduhr mir bestätigt. Ich hole tief Luft und klingle. Aber du hörst mich nicht. Die Tür bleibt verschlossen, kein lächelnder Adonis öffnet sie mir. Ich warte, klingle wieder. Nichts. Schließlich durchwühle ich meine Tasche, auf der Suche nach dem Zweitschlüssel, an dem dieser süße kleine Teddy hängt, den du einst bei einer Schießbude für mich gewonnen hast.

Als ich eintrete, höre ich von fern das Plätschern von Wasser. Mein Herz beginnt zu klopfen. Ich hänge meine Jacke an dein Garderobenbrett, das irgendein verschrumpelter grüner Gnom ziert, und ziehe atemlos meine Schuhe aus, ehe ich auf Zehenspitzen in das Innere deiner Wohnung tripple, hin zur Quelle des Plätscherns. Dampf kommt mir entgegen. Sorglos hast du die Türe zu deinem Badezimmer nicht geschlossen – wozu auch? Du wohnst allein und ich sollte eigentlich noch gar nicht hier sein. Hitze steigt mir in die Wangen. Würde heute der Tag sein? Der Tag, an dem ich endlich über meinen Schatten springe?

Ich bleibe kurz stehen, ordne meine Haare, richte meinen Ausschnitt – wieso trage ich ausgerechnet heute nicht mein rotes Top? Ich atme tief ein, wappne mich und gebe mir einen Ruck. Vorsichtig stoße ich die Tür weiter auf, spähe in das Innere deines Badezimmers. Gerade stellst du das Wasser ab, steigst aus der Dusche, bedeckt mit tausend kleinen Wassertropfen, mit denen ich gerne tauschen würde… Mein Blick fällt auf dein dichtes schwarzes Haar, deine muskulösen Arme, deinen durchtrainierten Waschbrettbauch, dein… da wird mir klar, dass ich doch nicht mehr will.

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Pflastersteine

Wir kannten uns schon ewig – unsere ganze Kindheit lang. Seite an Seite fuhren wir die Straßen Berlins entlang in unseren Kinderwagen, mal lachend, mal weinend, unsere Mütter stets auf Trab haltend. Wir spielten zusammen in unzähligen Sandkästen, bauten Burg um Burg, klauten uns gegenseitig das Spielzeug, versteckten es, trieben die Kindergärtner in den Wahnsinn und später auch die Lehrer, wenn wir in einem Anflug von Streit uns gegenseitig in die Hefte kritzelten und alles durchstrichen, sodass man nichts mehr lesen konnte. Oft tauschten wir dabei auch so manche Prügel aus, war doch das Neuschreiben unzähliger Seiten voller Lernstoff wegen einiger blöder Striche quer über die Doppelseite kein Zuckerschlecken. Im Sommer verbrachten wir die Ferien abwechselnd bei mir oder bei dir, fuhren gemeinsam auf Ferienlager oder unsere Eltern gingen gemeinsam auf Urlaub, sodass wir nie eine Woche ohne einander waren.

Einmal hast du mir im Sommer meine Brille versteckt und ich musste ganze drei Tage beinahe blind durch die Gegend stolpern, ehe du ein Erbarmen hattest – keine Drohung oder Strafe der Erziehungsberechtigten konnte dich zuvor zur Herausgabe bringen.

Wir waren immer unzertrennlich gewesen, die besten Freunde, die es je gab. So auch diesen Abend, als wir gemeinsam auf diesen Vortrag über das Liebesleben der Pflastersteine am philosophischen Institut gehen wollten. Dieses Mal war ich mit Fahren dran, da deine Wohnung auf dem Weg von mir zum Institut lag. Ich sollte dich um 6 Uhr abholen, durch den Berufsverkehr würden wir sicher eine Stunde brauchen und um 7 würde der Vortag beginnen.

War ich zu früh? Oder hatte dich an der Uni etwas aufgehalten? Hatte dein Professor wieder die offiziellen Kurszeiten überzogen? Ich weiß es nicht.
Als ich ankam und bei dir klingelte, hast du mir nicht aufgemacht. Ich habe es mehrmals probiert, schließlich resigniert aufgegeben. Wie selbstverständlich habe ich nach dem Zweitschlüssel in meinen Taschen gesucht, den du mir gabst, als du eingezogen bist. Ich schloss die Tür auf, trat ein und rief nach dir, aber du hast nicht geantwortet. Konntest mich nicht hören. Ich hängte meine Jacke an den Kleiderhaken in deiner Diele und ging weiter in deine Wohnung.
Als du aus der Dusche tratst, schutzlos, nackt, nur gehüllt in ein schimmerndes Kleid aus Wassertropfen, das deine Rundungen einrahmte – da wusste ich, dass ich mehr will.