Nicht alles für die Liebe

Brun liebte es, wenn ihr der Wind hoch oben über das Gesicht strich und die Haare zauste. Vorsichtig balancierte sie auf der Mauer entlang, stieg über die verräterischen, rutschigen Ansammlungen von Moos und Flechten hinweg und lauschte dem Pfeifen des Windes und der Vögel.
Auf der ganzen Welt gab es keinen schöneren Ort. Keine bessere Aussicht: Hier konnte sie das ganze Reich ihres Vaters sehen. Das kleine Dorf vor der Burg, der große Schattenwald dahinter, das Rasende Wasser in der Ferne und den Dampf, der von den Steinernen Fällen aufstieg. Sogar das Tosen des hinabstürzenden Wassers konnte sie hier hören, der Wind trug es über viele Meilen hierher, hinauf zu ihr auf die Mauer.
Ihre Mutter verstand das nicht. „Brunhilde, klettere nicht immer so hoch hinauf! Eines Tages stürzt du noch ab!“, pflegte sie zu sagen. Wenn sie sie erwischte, bekam Brun immer Stubenarrest …
Sie erreichte das Ende der Mauer. Vor ihr ragte kalt die Außenwand des Bergfrieds auf. Für jeden Feind unüberwindbar. Ihr Großvater hatte ihr erzählt, dass einst, zur Zeit der ersten Menschen, die Elfen selbst den großen Turm aus Stein hatten wachsen lassen.
Brun glaubte nicht daran. Der Turm hatte die selben Ritzen, Fugen und Kanten wie die Mauer. Die selben sicheren Plätze für ihre kleinen Finger und Zehen.
Sie warf einen Blick nach unten. Weit, weit unter ihr im Hof übten die Männer ihres Vaters gemeinsam mit den Männern des Großkönigs, der sie mit einem seiner seltenen Besuchen beehrte – das ganze Schloss war deswegen in Aufregung, nur hier oben, hier herrschte Ruhe.
Brun konnte die großen Ritter aus den Liedern erkennen, den ehrenwerten Hollar Grünmantel, den schnellen Raffzahn-Ralf, der sich einst mit drei Truhen voll Gold auf der Schulter ein Rennen mit Drachen geliefert hatte und den furchtlosen Elias von Wolkenbruch.
Brun widerstand den Drang, dem alten Aaron von Ostwald einen Klumpen Rotz auf die Haare tropfen zu lassen und presste sich an die Wand. Flink wie ein Wiesel tanzte sie an der Mauer entlang, stieg höher, immer höher, bis sie das Fenster des Turmzimmers erreichte.
Brun hielt inne, als Stimmen an ihr Ohr drangen.
„Bruder, nicht …“ Die Stimme einer Frau.
Eine andere Stimme kicherte verhalten. „Ach, wer soll uns denn schon sehen?“
Brun tastete langsam mit den Händen zum Fenstersims, zog sich nach oben – und verkniff sich einen Schrei der Überraschung.
Auf dem großen Himmelbett, dessen Bemalung die Taten des großen Sir Ronald von Hasenpforte zeigte, lagen eine Frau und ein Mann.
Beide waren nackt und der Mann lag auf der Frau – sie keuchte, stöhnte, schrie, während der Mann vor Aufregung grunzte.
Verwirrt sah Brun den beiden zu. Er schien der Frau weh zu tun! Sollte sie eingreifen? Was hätte Ronald von Hasenpforte getan?
Wie sie noch überlegte, merkte sie, wie ihr Bein vor Anstrengung zu zittern begann. Brun versuchte, ihr Gewicht zu verlagern, rutschte ab – unwillkürlich stieß sie einen Schrei aus. Mit beiden Händen klammerte sich Brun an das Fensterbrett.
„Bruder, da …“, hörte sie die Frau.
Eine starke, behaarte Hand packte Brun am Unterarm und zog sie hoch.
Vor ihr tauchte das Gesicht des Mannes auf, Brun sah direkt in seine grünen Augen, sah, wie er sich mit der anderen Hand lässig eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischte und grinste.
„Was tut man nicht alles für die Liebe …“
Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer schneller, als die Schwerkraft von ihr Besitz ergriff. Der Boden kam näher, immer näher … Heller Schmerz und Dunkelheit hüllten sie ein.|

Nein. Ich kann das nicht.

Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer schneller, als die Schwerkraft von ihr Besitz ergriff. Der Boden kam näher, immer näher … Heller Schmerz und |
Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer schneller, als die Schwerkraft von ihr Besitz ergrif|
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Und mit Schwung zog er sie zu sich ins Zimmer. Brun landete hart auf ihren Knien. Tränen stiegen ihr in die Augen. Die Frau hatte sich in eine Decke gehüllt, der Mann hockte sich nackt neben sie. „Hör zu Kleine, du darfst niemandem sagen, was du hier gesehen hast, ja?“
Brun nickte unsicher.
„Sonst sage ich deiner Mutter, dass du hier gefährliche Kletterspiele spielst.“ Der Mann zwinkerte. „Die holde Lady Catrin wäre sicher nicht sehr erfreut …“
Brun schüttelte den Kopf.
„Also bleibt das unter uns?“
Brun nickte.
„Dann los, lauf!“ Er öffnete Brun die Tür und sie schlüpfte hinaus, so schnell sie konnte.|

Musenstreich

Die Bestie schrie ohrenbetäubend auf, als Sir Elias von Wolkenbruch ihr das Schwert bis zum Anschlag in den Leib trieb. Ein letztes Mal bäumte der Drache sich auf, stieß eine Stichflamme in den Himmel, tauchte die verkohlten Ruinen der Burg in ein dämonisches Spiel aus Rot und Schwarz. Die ledernen Schwingen schlugen schwer zum Protest, Klauen griffen kraftlos nach Elias, er wich ihnen mühelos aus. Die Flamme wurde zum winzigen Zünglein, verlosch, das Ungetüm fiel. Die Erde bebte, Steine bröckelten von den eingefallenen Mauern. Elias öffnete langsam sein Visier, atmete tief durch. Vorbei. Es war vorbei.
So viele vor ihm waren gekommen, um Prinzessin Helena aus den Fängen des Drachen zu befreien, doch keinem war es geglückt. Er hatte sie gesehen, ihre verkohlten Knochen, überall in der Ruine verstreut. Doch ihm war es geglückt. Der Drache war tot. Kleine Rauchsäulen quollen aus seinen Nüstern, die tödlichen grünen Augen starrten gebrochen ins Leere. Nie wieder würden diese Schwingen durch die Luft gleiten, nie wieder Feuer an wehrlose Dörfer legen oder Prinzessinnen rauben.
Es war vorbei. Nun war sie sein.
Ein Lächeln huschte über Elias Gesicht, freudig riss er sich vom Anblick des Drachen los, eilte zum Turm – nur um zu sehen, dass seine Helena soeben David Hasselhof verfiel.

 

„Wah! Verflixt! Würdest du das bitte lassen?“ Ich reiße die Feder vom Papier, Tintentropfen fliegen in alle Richtungen. Doch zu spät, die Worte sind geschrieben.
„Lassen? Was denn?“ Unschuldig liegt sie da, direkt hinter mir, sieht mich aus großen blauen Augen an und wickelt eine Locke um den Zeigefinger.
„Das weißt du genau.“ Ich schnaube, zerknülle den Zettel. „David Hasselhof, also echt…“
„Mit Tom Selleck warst du ja nicht einverstanden…“ Sie kichert, schiebt sich nach vorne zum Bettrand und streckt den Arm nach mir aus. „Komm halt endlich ins Bett…“

Adventskalender 2014: Türchen 22

„Laaaast Christmas…“, setzte das Radio an, doch Laura machte ihm sofort den Garaus. Schon seit dem 15. November hatte die Dauerbeschallung mit diesem Lied begonnen, nirgends war man davor sicher, überall wurde man gewhamt. Nicht nur im Radio und in Musiksendungen, nein, auch auf Webseiten, die es für unerlässlich hielten, automatisch startende Music Player zu implementieren, und letztens sogar in einem Online-Adventskalender voller Kurzgeschichten. Ganze dreimal hatte der Autor auf das Lied angespielt, als fiele ihm nichts besseres ein – aber nun war genug. Nicht mit ihr!
Demonstrativ drehte sie dem Radio den Rücken zu und vertiefte sich in die Illustrierte, die sie auf dem Heimweg in einem Kiosk mitgehen ließ. Udo Jürgens war auf dem Cover abgebildet gewesen, darunter groß die Schlagzeile: „Schlagerstar gestern verstorben!“ Sie hatte inne gehalten, es kaum glauben können. Der Held des griechischen Weins, tot, einfach so …
Sie hatte es dann aber doch nicht über sich gebracht, den Artikel zu lesen und sich auf die anderen Nachrichten gestürzt: Meldungen über adelige Schwangere, wer wem was schenkte, Benefizkonzerte und eine Verschwörungstheorie darüber, was das Sexleben der Obamas mit der Annäherung an Kuba zu tun hatte – offenbar war Raúl Castro ein begnadeter Tänzer …
Gedankenverloren griff sie nach ihrer Teetasse, nippte daran – und verbrannte sich die Lippen. „Au, heiß!“ Hustend und prustend setzte Laura die Tasse wieder und warf ihr einen zornigen Blick zu. Wie konnte der nur noch so heiß sein?
Im selben Moment polterte es im Hausflur, es klirrte und krachte, gefolgt von Flüchen in mehreren Sprachen, die Laura nicht kannte.
Sekunden später steckte ein zerzauster Jochen den Kopf ins Wohnzimmer, fluchte weiter und zerrte mit brachialster Gewalt einen für die Tür viel zu großen Tannenbaum ins Zimmer. Nadeln flogen in alle Richtungen. Laura duckte sich unweigerlich hinter ihre Zeitschrift.
Schließlich schaffte Jochen es mit hochrotem Kopf, den Baum unter dem Türsturz durchzuziehen und ihn fachmännisch in eine Ecke des Zimmers zu stellen.
Laura sah ihm bei seinem Treiben eine Weile zu, ehe sie geräuschvoll umblätterte und fragte: „Kann ich dir irgendwie helfen?“
Jochen atmete tief aus, klatschte ein, zwei Mal gedankenverloren in die Hände. „Ja. Der Baum hat ziemlich viele Nadeln verloren, hier und im Flur…“ Er verzog gequält das Gesicht. „Außerdem fürchte ich, dass die Blumen mir den Sturz aus der Vase ziemlich übelnehmen. Von der Vase ganz zu schweigen…“
Laura seufzte und erhob sich. „Ist gut, ich hole den Staubsauger und sauge schnell durch.“
„Danke.“ Jochen strahlte und machte sich über ein paar Pappkartonkisten her. „Ich fange derweil schon mit dem Schmücken an.“
Ziemlich viele Nadeln verloren – die Untertreibung des Jahrhunderts. Im Flur sah es aus wie nach einer Schlacht der Weihnachtselfen. Nadeln über Nadeln, soweit das Auge blickte. Und die Blumen waren nicht mehr zu retten…
Laura klaubte die Scherben zusammen, warf die Blumen in den Biomüll und saugte schnell durch. Dann hängte sie das Bild einer fetten Dame, das verrutscht war, wieder gerade. Dasselbe mit dem quirlig aussehenden Ritter daneben. Ein Wunder, dass Jochen bei seinem Kampf mit dem Baum nicht noch
mehr demoliert hatte…
Als sie fertig war, schleppte sie den Sauger ins Wohnzimmer.
Jochen hatte den Radio wieder eingeschaltet und hängte gerade eine Weihnachtskugel auf, die ein rotbekappter Klempner in Latzhosen zierte. „Zur Krippe her kommet, in Bethlehems Stall…“, tönte es aus dem Radio.
Laura seufzte ergeben. Ihr Kinderlein kommet – wann war dieses Weihnachtslied je so passend?

Tim der Troll

Es war einmal ein Troll,
der fand sich super toll.
Bloß war sein Name Tim,
das fand er furchtbar schlimm.

Vor Tim dem tumben Troll
hat keiner die Hosen voll.
Stets kämpft er gegen wackre Recken,
aber keiner wollte sich verstecken.

Der Name eines jeden Ritter
weckte Schrecken und Gezitter.
Beim Klang von Lanzelot,
war jeder ziemlich flott.

Bei Siegfried von Xanten,
die Feinde schon rannten.
Und beim alten Hagen
wollte keiner es wagen.

So wollt auch Tim sich nennen,
damit seine Feinde ordentlich flennen.
Er nannte sich von Ogerwahn,
die Post kam nie mehr bei ihm an.