6. Am Nebentisch (Mea Kalcher)

Als die Tür aufgeht, erschrecke ich ein wenig. Für diesen Laden ist es um diese Zeit selten, dass jemand die Tür öffnet. Das macht mich neugierig und ich lege mein Buch zur Seite.
Der Kellner und ich tauschen Blicke. Er wundert sich genau wie ich, sagt aber „Herzlich Willkommen“ zu den neuen Gästen.
Er und sie antworten: „Guten Abend!“
Sie trägt ein rotes Abendkleid. Er trägt einen dunkelblauen Anzug mit rotem Hemd und Schleife. Beides ziemlich extravagant für diesen Laden.
Er fragt den Kellner: „Wo wir wollen?“, und macht eine ausladende Geste entlang der leeren Tische.
Der Kellner nickt und antwortet: „Wo Sie wollen!“
Ich nicke dem Kellner zu.
Er nickt, weil er meine Geste verstanden hat und bringt mir noch ein Glas Rosé.
Das extravagante Paar will am Tisch neben mir Platz nehmen, nur armweit von mir entfernt. Sie mag auf der Bank mit Blick zum Fenster sitzen. Er ihr gegenüber.
Er studiert die Weinkarte. Sie die Tagesempfehlung an der Kreidetafel über der Theke, greift sich dann aber doch die Speisekarte, die auf dem Tisch aufgeklappt steht.
Der Kellner kommt und fragt, was sie denn wünschen und ob es schon ein Getränk sein dürfte.
Sie lächelt. Er lächelt.
Er bestellt ein Bier, ein frisch gezapftes. Sie will sich ein Glas Prosecco gönnen, so sagt sie, als sei es ein feierlicher Anlass.
Der Kellner fragt, ob sie denn schon gewählt hätten.
Er nickt. Sie sagt, sie müsste noch schauen und quiekt heiter. Es sei immer das Gleiche, sagen beide dem Kellner zur Erklärung.
Der Kellner lächelt, als würde er das nicht zum ersten Mal hören, dreht sich um und verschwindet.
Sie kichert. Er zwinkert ihr zu.
Er sagt, sie sähe schön aus in ihrem roten Kleid. Sie dankt und freut sich und sagt: „Ach du…“. Ohne Vorwurf. Nur mit Freude.
Er sagt: „Das sollten wir öfter tun!“
Und sie findet die Idee gut. Überschwänglich gut!
Ob sie wohl meinen, in so einen Laden essen zu gehen, frage ich mich. Und was hat sie bisher davon abgehalten, frage ich mich weiter. Ich möchte mir gerne Notizen machen. Vielleicht könnte ich das alles einmal gebrauchen. Für eine Kurzgeschichte oder einen Roman oder ein Theaterstück. Ich nippe an meinem Rosé und nehme mir vor, nichts zu vergessen, denn ich habe keinen Stift.
Der Kellner kommt mit den Getränken. „Ein Prosecco für die Dame, ein frisch Gezapftes für den Herrn! Haben Sie gewählt?“
Er schaut zu ihr und wartet auf ihre Reaktion. Sie knallt die Speisekarte zu, ein weiterer Entschluss wurde damit lautstark getroffen.
Sie bestellt Spaghetti Bolognese, da habe sie schon lange mal wieder Appetit drauf. Es klingt so feierlich, dass ich auch Lust darauf bekomme. Er bestellt den Lachs mit Crème fraîche Haube, sehr extravagant für diesen Laden – gleichwie sein rotes Hemd.
Der Kellner nickt, nimmt die Speisekarte und schickt sich an, in die Küche zu gehen.
Der Koch fragt so laut, dass wir es im Gastraum hören: „Wirklich der Lachs?“
Der Kellner antwortet nur wenig leiser: „Ja, ich weiß!“
Ich überlege, ob ich nun wieder lesen könnte. Es scheint, dass nichts weiter Extravagantes passiert. Im Nu werden sie eingesogen in die Schlichtheit des Lokals. Trotz der geringen Distanz, armweit wie gesagt, höre ich sie nun nicht mehr. Sie flüstern und säuseln und berühren ihre Hände, dass es mich beschämt, hinzusehen. Doch nur kurz! Der Anblick ist zu schön, um wegzusehen und lässt mich, in Erinnerungen vergangener Zweisamkeiten, meinen Rosé genießen.
Als ich zu meinem Buch greife, passiert es. Die Tür fliegt auf, ich erschrecke. Schon wieder! Was ein außergewöhnlicher Abend.
Hinter der sperrangelweit geöffneten Tür: ein Mann. Bös und breit. Er hat eine Flasche Whiskey unter den Arm geklemmt. Halbleer.
„Du!“, brüllt er. Mehr nicht. Er greift die Flasche, nimmt einen Schluck, ich bin sicher es ist nicht der erste und nicht der zweite und zeigt mit der dreiviertelleeren Flasche auf das extravagante Paar.
Wen von beiden er wohl meint?
Zeitgleich öffnet sich die Tür der Küche. Der Kellner trägt zwei Teller heraus. Der Tumult überrascht ihn wenig. Er balanciert sie weiter zum Nebentisch. „Die Spaghetti für die Dame, der Lachs für den Herrn!“ Er sagt es nicht, er flötet es …
Der bösbreite Mann steht festgewurzelt und whiskeybeflascht vor eben diesem Nebentisch und glotzt auf den Lachs. Vermutlich hätte er auch etwas Anderes bestellt in so einem Laden. Absurd, denke ich und lege mein Buch endgültig zur Seite.
Der Kellner lächelt sein Kellnerlächeln zum neuen Gast. Was ein lohnender Abend, denkt er sicherlich. Gleich vier Gäste. Der ewig Weintrinkende, das extravagante Paar, der Mann mit Durst. Wunderbar lohnend.
„Ein Tisch für eine Person?“, fragt er ihn. Ohne die Antwort abzuwarten, ergänzt er: „Wo Sie wollen!“
Der Whiskeyflaschen-Mann glotzt. Das extravagante Pärchen glotzt zurück. Ich nippe an meinem Rosé und nehme mir vor nichts zu vergessen. Ach, hätte ich doch nur einen Stift!
Was für ein lohnender, extravaganter Abend …

 


Den sechsten Text unseres Projekts hat Mea Kalcher verfasst. Mea bloggt und podcastet und twittert, außerdem hat sie jüngst ihren Erstling „sechsuhrsieben“ veröffentlicht.

2. Man sieht sich immer zweimal (Christa Reusch)

Sina betrat das Bahnhofsrestaurant. Toll! Alle Tische belegt. Da in der Ecke gab es einen freien Stuhl. Sie manövrierte ihren Trolley dort hin und ließ sich aufatmend auf den Sitz plumpsen. „Hallo?“, hielt sie den eben vorbei rauschenden Kellner an, „könnten Sie mir bitte eine Cola Zero bringen? Danke!“ Sie schälte sich aus dem Mantel, wickelte den Schal ab und legte beides sorgfältig über die Stuhllehne.
„Ja, hier ist noch frei!“
Sina blickte überrascht auf. Erst jetzt bemerkte sie den Mann ihr gegenüber. Sie bemühte sich, ihre Verlegenheit zu überspielen.
„Sorry! Erst fällt mein Flug nach München aus. Ich muss Stunden auf den nächsten Zug warten. Natürlich nicht der ICE, der direkt fährt, sondern der, wo man auch noch umsteigen muss. Und dann ist es überall total voll. Außerdem habe ich Hunger und Durst.“
Wortlos schob er ihr die Speisekarte über den Tisch.
Mit einem gemurmelten „Danke“ vertiefte sie sich in die Übersicht der Gerichte. Sie spürte, dass er sie musterte. Die Cola kam und sie bestellte Spaghetti.
„Warten Sie auch auf einen Zug?“
Er nickte. „Mein Flug wurde ebenfalls gecancelt, allerdings habe ich eine direkte Bahnverbindung bekommen.“
„Dass die ausgerechnet heute streiken müssen“, schimpfte Sina. Ihr Gegenüber sparte sich einen Kommentar und sie plapperte weiter. „Ich fliege sonst nie, aber meine beste Freundin heiratet und da muss ich nach München. Ich bin die Trauzeugin. Wäre nicht schlecht, ich würde rechtzeitig ankommen.“
„Entschuldigen Sie?“, unterbrach der Ober, an den Unbekannten gewandt. „Möchten Sie Ihr Essen sofort, oder warten Sie?“
„Ich kann warten. In Gesellschaft schmeckt es besser.“ Der Mann lächelte. „Und?“, fragte er Sina, „freuen Sie sich auf die Hochzeit?“
Sina zuckte mit den Schultern. „Naja, auf die Zeremonie schon, aber die Familie des Bräutigams soll ein wenig seltsam sein.“
„Inwiefern?“
„Das weiß ich nicht so genau. Lea, also meine Freundin, ist total verknallt in ihren Mark. Ist sogar ein von und zu. Hm, den Nachnamen habe ich schon wieder vergessen. Die sind so süß zusammen. Er scheint auch wirklich ein netter Kerl zu sein. Ich habe ihn erst ein paar Mal getroffen, weil ich für ein Jahr in Hamburg lebe und die beiden in München.“ Warum erzähle ich ihm das alles? Ich kenne ihn überhaupt nicht. Aber er wirkte total sympathisch und wenn er lachte, hatte er ein Grübchen.
Das Essen kam und eine Weile herrschte Schweigen. Sina beobachtete die Gäste an den Nachbartischen.
„Gefällt Ihnen Hamburg?“
„Ja, ganz gut“, antwortete sie gedehnt und schob sich eine Gabel Spaghetti in den Mund. „Regnet ein bisschen viel und die Leute hier haben einen eigenen Humor. Ist für eine Süddeutsche manchmal schwierig.“
Er lachte. „Ja, da mögen Sie wohl recht haben.“
„Und Sie?“, hakte Sina nach, „sind Sie geschäftlich unterwegs?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Mein Bruder heiratet morgen.“
„Oh, wie schön. Und Sie sind Trauzeuge?“
„Nein, unser älterer Bruder.“
„Oh! Kennen Sie denn die Braut?“
„Ganz schön neugierig.“ Er grinste und wieder zeigte sich das Grübchen. Graue Augen. Kein hartes Grau. Weich, wie das graue Plüschkissen mit dem pinkfarbenen Katzensticker in der Mitte, das sie als Mädchen besessen hatte. Sina musste sich beherrschen, um ihn nicht zu offensichtlich anzustarren. Was war nur los mit ihr?
„Nein, ich kenne die Braut noch nicht persönlich, aber ich weiß, dass sie eine flippige Freundin haben soll.“
Sina nickte geistesabwesend und warf einen Blick auf die Uhr. „Tut mir leid, aber mein Zug geht bald.“
„Meiner auch.“ Er gab dem Ober ein Zeichen.
„Zusammen?“, fragte dieser.
„Ja!“
„Nein!“, widersprach Sina. „Sie können mich doch nicht einfach einladen!“
„Warum nicht?“
„Weil, weil …“ Sie biss sich auf die Lippe. Ihr fiel kein schlagkräftiges Argument ein.
„Also zusammen“, bestätigte er.
„Weil ich Sie gar nicht kenne.“ Ja, dachte Sina, und das ist wirklich jammerschade. Sie sah ihm zu, während er zahlte. Schöne Hände, dachte sie, kräftig, aber gepflegt. Ob er zur Maniküre geht? Ihr Blick glitt weiter. Reiß dich zusammen, befahl sie sich.
Er schob seinen Geldbeutel zurück in die Hosentasche und stand auf. „Darf ich?“ Er deutete auf ihren Mantel. Sina nickte verwirrt und ließ sich von ihm hineinhelfen. Auch noch ein Gentleman. Sie stöhnte innerlich. Aber es nützte nichts, sie war auf dem besten Weg sich in einen Fremden zu verlieben. Liebe auf den ersten Blick. So ein Quatsch! Gibt es nur im Märchen.
„Danke für das Essen“, murmelte Sina. Ihr wurde heiß, als seine Hand kurz die ihre streifte.
„Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?“ Seine grauen Augen hielten ihren Blick gefangen.
„Ähm, ich bin mir da gerade nicht so sicher“, brachte sie mühsam hervor und wickelte sich den Schal um den Hals, um ihre Hände zu beschäftigen.
Er zog erneut seinen Geldbeutel heraus, entnahm eine Visitenkarte und reichte sie ihr. „Man sieht sich immer zweimal.“ Er lächelte, streckte ihr die Hand hin und hielt ihre kurz fest. „Bis bald!“
Verwirrt starrte sie ihm nach. Ihr Blick fiel auf die Karte. „Simon von Jacobi“, flüsterte sie. „Jacobi! Das gibt’s doch nicht! Leas Schwager!“ Ein Strahlen überflutete ihr Gesicht. „Ja, man sieht sich immer zweimal. Bis bald in München!“, rief sie ihm nach, packte ihren Trolley und verließ das Bahnhofslokal.

 


Der zweite Text unseres Adventskalenders wurde von der großartigen Christa Reusch verfasst. Mehr von Christa findet ihr auf ihrer Facebook-Autorenseite und natürlich auf Amazon, wo auch ihr Debüt „Tessa, die Liebe und der Tote im Stadtarchiv“ zu haben ist.