Haiku XVIII

Hungrige Tschieper
Suchen Krumen nach Fahrplan
Freche Gleistänzer

 

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Adventskalender 2014: Türchen 16

Noch ein, zwei Mal mit den Flügelschlagen. Die Beine ausstrecken, landen. Der kleine Spatz hat es fast geschafft, fast das Vogelhaus erreicht. Da, ein kleiner Windstoß reißt ihn aus seiner Flugbahn. Er kommt ins Trudeln, gleitet ab. Schnell schlägt er mit den Flügeln, die Bewegungen fließen ineinander, zu schnell für das träge Auge. Er kämpft gegen den Wind an, für den Bruchteil einer Sekunde ringen sie entschlossen miteinander. Der Wind ist nicht bereit, ihn gehen zu lassen, will ihn nach unten drücken, vom Vogelhaus fernhalten.
Doch er ist stärker.
Stur arbeitet er sich voran, streckt die Beine aus, landet. Versteckt sich unter dem Dach des Häuschens, tritt zum Futtertrog heran. Sein Herz kleines Herz schlägt kräftig, erschüttert die Federn an seiner Brust.
Sein Magen knurrt – ein langer Tag liegt hinter ihm, voller Fliegen und Landen. Von Baum zu Baum, von Ast zu Ast. Hier ein Treffen mit Kameraden, dort ein Stelldichein mit der Liebsten. Gemeinsam ein Liedchen trällern. Sich über Zuhörer freuen, stolz das Gefieder präsentieren und zu einer erneuten Zugabe ansetzen. Applaus erwarten, missmutig zwitschern, wenn er ausbleibt. Schnell das Heil in der Flucht suchen, wenn ein Schnurrbartträger sich zeigt und genüsslich die Lippen leckt.
Aus Zorn durch die Stadt flattern, gezielt Bomben auf Zweibeiner abwerfen. Bei Starbucks vorbeifliegen, das Aroma von Kaffee riechen. Croissants sehen, Croissants schmecken. Von Tisch zu Tisch hüpfen, belacht, beschmunzelt, aber auch vertrieben werden. Nach Krumen suchen, die Pause genießen, ehe es wieder weitergeht.
Weiter, geschwind wie der Wind durch die Stadt. Zur Bushaltestelle, Krumenhort. Zweibeinern ausweichen, die Straßenbahn foppen. Ein kleines Kind vom Einsteigen ablenken.
Den knurrenden Magen spüren – nach Hause fliegen und sich im Stammlokal niederlassen. Sich wundern, wieso es immer nur die gleichen Kerne gibt.
Dennoch langt er ordentlich zu, tut es den Zweibeinern gleich – auch bei ihm landet die Hälfte auf dem Boden. Nur kurz währt seine Freude. Orangerot blitzt es am Himmel auf. Flügelschlagen. „Meins!“, tönt es aus der Luft.
Sekunden später lässt sich ein dicker Gimpel am Häuschen nieder, um Hand an die Diebe zu legen.
Aber der Spatz ist längst weg, auf zu neuen Abenteuern.
Wieder in die Stadt? Zu Starbucks? Zur Liebsten?
„Laura?“ Vor Schreck fiel ihr beinahe die Tasse aus der Hand.