Ein Blick dahinter

Es ist noch da, das alte Mietshaus. Einsam, ausgegrenzt steht es am Ende der Straße und blickt mich mit großen, dunklen Fenstern an. Der Zahn der Zeit hat ihm zugesetzt, seine Fassade ist ergraut, mit Rissen überzogen. Lange ist es her, dass ich zuletzt hier war. Damals, im Studium.
Ich wechselte mein Heim jedes Semester, immer auf der Suche nach einer noch billigeren, zugleich weniger schäbigen Absteige. Mietfreie Ferien, das war meine Devise. In der ganzen Stadt wohnte ich, nirgends hielt es mich lang – auch danach nicht. London, Paris, Tokyo … mehr Stationen auf meinem Weg als Finger an meiner Hand. Immer auf Achse, nirgends verhaftet.
Außer hier.
Das alte Mietshaus, mein Fels in der Brandung. Schon damals knirschten und knarzten die Böden, pfiff der Wind durch alle Ritzen, waren die Dächer undicht, die Fassade rissig. Hier und da Blumen in den Fenstern, ein Klecks Farbe im tristen Grau. Tag für Tag verabschiedeten wir uns hier, direkt davor, auf der Straße. Es war für mich Ehrensache, dich heimzubringen, wohntest du doch so schäbig wie zentral, direkt neben der Universität. Mein Weg führte immer vorbei, wo ich auch wohnte.
Jeden Tag blieben wir stehen, sahen uns an. Das Gespräch verstummte, wechselseitiges „Da wären wir“ – „Ja.“ – „Bis morgen.“ – „Ja. Bis dann.“ Unser tägliches Ritual.
Doch dann kam der Regen, dicke, schwere Tropfen überraschten uns, trieben uns hinein. Mein erster Blick hinter die Fassade, auf die in grellem Grün gestrichenen Türen, die Graffitis im Treppenhaus. Das rauchende Krokodil, die politischen Parolen von Steuerreform und Klassenkampf.
Deine Tür, das schiefhängende Klingelschild, die abgegriffene Klinke. Die kaputte Tür deines Kleiderschranks, die abgenutzten Sessel, zwei ungleiche Zwillinge. Der eine tief und einladend mit grüngelbem Karo, der andere aus braunem Leder mit mächtigen Armlehnen. Du kochtest Kaffee, ich höre noch heute das Gurgeln der Maschine und das stete Tropfen der undichten Decke.
Wir hängten unsere nassen Jacken über die Heizung, sahen nach draußen, warteten vergebens auf das Ende des Regens bis spät in die Nacht …
Das Haus ist noch da, doch wo bist du? Unsere Diplome öffneten uns die Welt, Abenteuerlust entriss uns. Nur das Haus blieb hier.
Allein.

 

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Dieser Text ist ein Beitrag  zur siebten Rude des Projekts *.txt, bei dem Autoren 21 Tage haben, um zu einem gezogenen Wort einen Text zu verfassen. Mehr zum Projekt gibt es hier, das Wort der siebten Runde war Fassade.

Semesterbeginn

Scheue Blicke nach links und rechts, stures Starren auf Smartphone-Bildschirme oder Laptops – manchmal ein Schmunzeln, wenn auf Facebook mal wieder eine Katze in die Kamera schaut, aber sofort wieder ernste Mienen. Nervöses Spielen mit Kugelschreibern, Haaren, Fingernägelkauen, Däumchendrehen, Rote Flecken im Gesicht. Eingepfercht wie die Sardinen.
Leises Getuschel, Geraschel mit Papier, nervöses Lachen.
Der Geruch von Angstschweiß.
Jedes Mal die selbe Szenerie.
Heute: 88 auf 25 Plätze, laut Online-Portal der Universität. Davon mindestens 44 Notfälle, die den Kurs dringend brauchen, weil sie sonst auf der Straße stehen. Mehrere der Anwesenden stehen sicher noch gar nicht auf seiner Liste. 25 % der Computer streikten schließlich im Februar, wie Statistik Austria unlängst bewiesen hatte. Ebenso, wie 40 % aller Studenten während des Semesters, vor allem an Referatsterminen. Wobei sich die Mail-Server jedes Mal anschlossen.
Krachend lässt Professor Eisenhart die Tür ins Schloss fallen. Alle Augen richten sich auf ihn. Gehetzte Blicke, angsterfüllte Blicke – leider auch kampfbereite. Gemächlich kramt er in seiner Tasche nach der Liste. Gleich würde er niedergebrüllt werden, wie jedes Semester. „Herr Professor…“, „Die Stipendienstelle…!“, „Erasmus!“, „Spaghetti-Monster!“, „Star-Wars-Convention!“, …. Er hatte sie alle schon gehört.
Seelenruhig verliest Eisenhart die Modalitäten des Kurses, erklärt die Anforderungen, betrachtet die zuckenden Mundwinkel, die angespannten Leiber.
„Wir sind hier allerdings viel zu viele, wie sie unschwer sehen können“, schließt er seinen Vortrag ab und blickt in die Runde, „Die Lehrveranstaltung ist für nur 25 Teilnehmer konzipiert, außerdem ist dieser Raum auf nur 30 Personen zugelassen. Mehr geht aufgrund der Brandschutzbestimmungen leider wirklich nicht. Wir haben also nie alle Platz hier.“ Dem verdatterten Studenten direkt vor sich drückt er ein Blatt Papier in die Hand. „Tragen Sie daher bitte alle in dieser Liste ein, wann sie vorhaben, krank zu werden, damit immer nur 25 von Ihnen da sind. Danke.“ Und er sieht der ringsum gehenden Liste zu, lächelnd, denn dieses eine Mal war er dem langwierigen Feilschen entgangen…