17. Herbstklopfen (Sonea von Delvon)

Ein kalter Herbstwind wirbelte Blätter durch die Fußgängerzone und klatschte dicke Regentropfen in Rosas Gesicht. Hinter den Schaufenstern gingen die ersten Lichter an.
„Das war eine spannende Ausstellung!“, sagte sie. „Wie schnell die Zeit vergangen ist!“
„Unglaublich, nicht wahr?“ Rebecca schlang ihre Strickjacke fester um den Leib. „Jetzt bin ich hungrig.“
„Ich auch.“ Der Nachmittag war viel zu schnell vergangen. Rosa indes wollte noch nicht nach Hause. „Wollen wir noch etwas essen?“
Ihre Freundin lächelte. „Liebend gern.“ Sie hakte sich bei Rosa ein. „Worauf hast du Lust?“
„Mir egal. Hauptsache, es ist dort warm und gibt Wein.“
„Dann schauen wir, was uns anlacht.“
Auf dem Weg durch die dunkler werdenden Straßen peitschte der Wind weitere Regentropfen in ihre Gesichter und fuhr ihnen bis auf die Haut, doch mit Rebecca an ihrer Seite spürte Rosa die Kälte kaum.
Plötzlich blieb ihre Freundin stehen. „Ich wusste gar nicht, dass die renoviert haben.“
Sie hatten vor einem Lokal mit roter Backsteinfassade gehalten. Rosa sah hinauf zu dem Schild. La Bodega – Tapas & Pfannengerichte. „Warst du hier früher nicht immer mit Marc essen?“
Rebecca nickte, plötzlich ernst. „Ich war seitdem nicht mehr da.“
„Wir können woanders hingehen“, schlug Rosa vor, während sie sehnsüchtig durch die Scheibe auf das gemütliche Innere des kleinen Restaurants starrte.
„Nein.“ Rebecca lächelte und ihre Augen leuchteten auf. „Das mit Marc ist vorbei. Es ist renoviert. Es ist perfekt.“
Sie sahen einander an und Rosas Herz machte einen Sprung.
So früh am Abend waren nur wenige Gäste da. Der Kellner, der sich ihnen als Enrico vorstellte, gab ihnen einen Tisch in einer gemütlichen Nische, von wo aus sie sowohl das Innere des Restaurants als auch die Straße im Blick hatten.
„Wissen die Señoras schon, was sie wollen?“
„Ich schon“, antwortete Rebecca. „Aber meine Freundin will sicher erst noch die Karte. Du kannst uns aber schon einmal Wein bringen.“
„Rioja? Tempranillo?“
„Tempranillo“, sagte Rosa.
Enrico zwinkerte ihnen zu und verschwand, um wenig später mit einer Flasche Wein, zwei Gläsern, Brot, Aioli und einer Speisekarte zurückzukehren.
„Also“, sagte Rebecca, nachdem sie sich aus ihrer Strickjacke geschält hatte, und zupfte das Oberteil zurecht, das Rosa an ihr so bewunderte. „Trinken wir darauf, dass die Vergangenheit Vergangenheit ist. Und dass heute etwas Neues anfängt!“
Rosa hob ihr Glas. Mit einem Mal konnte sie es deutlich spüren. Es war schon in der Ausstellung da gewesen, doch sie hatte es für eine Spinnerei gehalten. Jetzt, wo sie an dem kleinen Tisch saßen und ihre Knie einander fast berührten, schlug ihr Herz mit einem Mal viel zu schnell.
Waren sie deswegen hier?
„Auf etwas Neues!“, brachte sie hervor.
Nach einem hastigen Schluck griff sie nach der Tapaskarte. „Ich war noch nie beim Spanier“, sagte sie, ihre Nervosität überspielend. „Kannst du etwas empfehlen?“
„Alles.“
Rosa entfuhr ein Lachen. „Das ist nicht sehr hilfreich, Rebecca.“
„Vielleicht sollten wir einfach mehrere Tapas bestellen und teilen“, schlug Rebecca vor, während sie ein Stück Brot mit Aioli bestrich. „Dann kannst du von allem etwas probieren und was du nicht magst, esse ich.“
„Und wenn ich alles mag?“
Rebeccas Augen funkelten. „Dann müssen wir uns wohl darum zanken.“
Sie lachten. Rebecca betrachtete ihre Freundin. Sie war anders. Unbeschwerter. Ging es nur ihr so, oder war das Lachen ihrer Freundin auch eine Spur nervöser als sonst?
Was immer es war, es bewirkte, dass sich Rosas Puls beschleunigte.
„Haben die Señoras schon entschieden?“
Rosa zuckte zusammen. Enrico war wie aus dem Nichts neben ihrem Tisch aufgetaucht.
Nachdem Rebecca acht verschiedene Tapas geordert hatte, herrschte eine unangenehme Stille zwischen ihnen. Rosas Nervosität kehrte zurück, doch ihr fiel nichts ein, was sie hätte sagen können.
Sie waren seit Jahren Freundinnen. Es hatte immer etwas zu erzählen gegeben.
„Das war wirklich ein schöner Nachmittag“, brach sie schließlich das Schweigen und hatte zugleich das Gefühl, sich zu wiederholen. „Ich kann gar nicht glauben, dass wir das nicht schon früher gemacht haben.“
Rebeccas Finger spielten mit dem Stiel ihres Weinglases. „Manchmal muss man etwas Neues ausprobieren.“
Nur mit Mühe widerstand Rosa dem Drang, ihre Hand auf die ihrer Freundin zu legen. Stattdessen sah sie in Rebeccas Augen. Der Wein verlieh ihr ein ungeahntes Gefühl von Leichtigkeit. „Allerdings.“
Als Enrico zurückkehrte und mehrere duftende Schälchen auf dem Tisch verteilte, rückten Rosa und Rebecca fast gleichzeitig näher zusammen. Ihre Knie berührten sich. Rebecca machte indes keine Anstalten, ihr Knie wegzuziehen, und so tat sie es auch nicht.
„Datteln und Speck?“, fragte Rosa ungläubig, die Tapas beäugend.
„Das ist köstlich.“ Mit einem durchtriebenen Funkeln in den Augen nahm Rebecca eine Dattel und hielt sie Rosa hin. „Probier mal.“
Nervös schnappte Rosa nach der Dattel und streifte dabei versehentlich Rebeccas Finger. Das Gefühl von Leichtigkeit intensivierte sich. Ihr Herz begann zu rasen.
„Und?“, fragte ihre Freundin.
„Sehr gut“, brachte Rosa hervor. Sie fragte sich, ob sie noch von der Dattel sprachen.
„Schön.“ Rebeccas Augen funkelten im Licht der Kerze. Dann beugte sie sich vor.
Ihre Lippen berührten einander und mit einem Mal schlug Rosas Herz so schnell, dass sie zu zerspringen glaubte.

 


Der bereits 17. Text unseres #Projekt24-Adventskalenders wurde von der grandiosen Sonea von Delvon verfasst. Mehr über Sonea, ihr Schreiben und ihre wunderbaren Fan-Fictions findet ihr auf ihrem Facebook-Profil, ihrem Twitter-Account und ihrer Homepage.