Unüberbrückbare Differenzen

PLING! Laut und durchdringend meldete sich sein Tablet zu Wort, sodass Paul beinahe seinen Kaffeebecher fallen ließ. PLING! PLING! Fieberhaft wischte er über den Bildschirm, um den Ton abzustellen. Der alte Mann am Nebentisch taxierte ihn bereits anklagend über den Rand seiner Brille hinweg und zwei Tische weiter links drehten sich zwei junge Frauen verwirrt nach ihm um. PLING! PLIng.
Endlich.
Geschafft.
Seufzend lehnte er sich zurück und atmete tief ein und aus. Er konnte förmlich spüren, wie Hitze in seine Wangen geschossen war. Vermutlich hatten seine Ohren längst das leuchtende Rot eines gekochten Hummers angenommen. Verstohlen sah Paul sich um, aber der alte Mann raschelte wieder mit seiner Zeitung und die Frauen waren wieder in ihr Gespräch vertieft.
Er griff erneut zum Becher – und ließ ihn erneut beinahe fallen, als er sah, woher das Pling kam.
Er hatte eine Nachricht erhalten.
Auf der Datingseite.
Von einer Frau.
Mit zitternden Fingern stellte er den Becher ab, tippte mit dem Zeigefinger auf das kleine, rot leuchtende Briefchen, hielt die Luft an und begann zu lesen.

Hey :-)
Ich bin grad auf dein Profil gestoßen.
Nettes Foto!
Du magst Comics? :D Ich auch. Thor ist der beste!
Lust, dich mal mit mir zu treffen? Melde dich :*

Sein Herz sprang förmlich auf und ab und drückte schmerzhaft gegen seinen Adamsapfel. Paul versuchte, sich zu konzentrieren. Meli1992 hatte ihm geschrieben. Vermutlich ihr Geburtsjahr – dann war sie zwei Jahre jünger als er. Das war gut – oder nicht? Ein Mann hatte in einer Beziehung der Ältere zu sein … Er atmete tief ein.
Thor.
Sie mochte Thor. Den mächtigen Donnergott des alten Nordens. Den Träger des Hammers Mjölnir. Den Beschützer von Midgard.
Er betrachtete ihr Profilbild. Offensichtlich hatte sie es in ihrem Zimmer aufgenommen. Er konnte ein Bett erkennen, und ein Bücherregal. Auf einem Buchrücken konnte er das Marvel-Logo erkennen, dort, gleich links von ihrem Ohr. Sie hatte blonde Haare mit roten Strähnen. Ein breites Lächeln offenbarte strahlend weiße Zähne und gute Laune.
Sie war süß. Und doch …
Nein.
Pauls Finger schwebten über den digitalen Tasten, der Cursor blinkte einsam im leeren Textfeld.
Das ging nicht.
Oder?
Sie mochte Thor. „Thor ist der beste“, wiederholte er. Sie war süß, ganz eindeutig. Aber … Paul schüttelte den Kopf, schüttelte den Gedanken gleichsam ab. Nein. Es würde nicht gut gehen.
Nichtsdestotrotz hatte sie eine Antwort verdient, wieso nicht Thor, sondern Iron Man der beste war.

 

Bei diesem Text handelt es sich um einen Beitrag zum Projekt *.txt 2016. Das vorgegebene erste Wort war „nichtsdestotrotz“. Alle Beiträge zum Projekt können hier eingesehen werden.

Kein Glück

„Was hältst du von denen da?“ Phil sah ihn bedeutungsvoll über den Rand seiner Sonnenbrille an, als würde er auf eine Antwort warten.
„Hm?“ Rob sah seinen Kumpel fragend an. Das Wummern des Basses direkt hinter ihm übertönte nicht nur das Geschrei und Gejohle der vielen Kinder am Strand und dieses Klingeln in der Ferne, das er nicht zuordnen konnte, sondern auch Phils Worte. Er langte mit dem Arm hinter den Liegestuhl und drehte den Lautstärkeregler des Ghettoblasters um einen Tick zurück. Gleichzeitig fischte er sich eine Dose Bier aus der Kühlbox.
„Was du von den Mädels hältst. Die da drüben.“ Phil deutete zur Strandbar, die etwa hundert Meter entfernt war. „Weißer Bikini.“
Das Bier zischte verheißungsvoll. Rob nahm einen langen Schluck. Sein Blick fiel auf zwei lange, braungebrannte Beine, ein Bauchnabelpiercing und ein viel zu knappes Bikinitop. „Nicht schlecht.“
„Ihre Freundin ist auch nicht ohne.“
„Stimmt.“ Neben der Versuchung in Weiß stand eine großgewachsene schwarze Schönheit in einem Bikini mit Blümchenmuster. Sie unterhielt sich angeregt mit ihrer Freundin, entblößte dabei ein zauberhaftes weißes Lächeln und spielte offenbar in aller Unschuld mit einem Ende der Schnur, das direkt zu einem der Knoten gehörte, der … Ein Beachvolleyball flog vorbei, nahm ihm die Sicht. Rob schluckte schwer und verfluchte innerlich die Kinder.
Dieses Geschrei – und dieses Klingeln, das irgendwie näher kam … Was war das nur?
„Wow, oder?“ Phil grinste ihn an. „Vielleicht sollten wir mal Hallo sagen?“
Rob zuckte mit den Achseln. „Warum nicht? Erproben wir unser Glück.“ Er leerte sein Bier in einem Zug, setzte seine verspiegelte Sonnenbrille auf, erhob sich und rieb sich am Ohr. Das Klingeln kam näher, wurde lauter. Er sah sich um, entdeckte nichts und fuhr sich mit den Händen durch die Haare.
Phil sah ihm zu, runzelte die Stirn und winkte ab. „Lass mal, bei dir ist da eh nichts mehr zu retten.“
„Depp.“
Phil grinste, gähnte und stand auf. „Dann wollen wir mal. Ganz locker.“
Bis zur Strandbar war es nicht weit. Die Liegestühle und Strandmatten waren nicht so gedrängt wie direkt am Wasser. Direkt vor der Bar verlief ein schmaler Streifen Asphalt für Radfahrer und Skater, der den Liegeplatz unattraktiv machte. Direkt dahinter der Stehtisch mit den Mädels.
Sie schlenderten locker dahin. „Was sagen wir eigentlich?“
Phil grinste und zog lässig einen Fünfziger aus den Taschen seiner Shorts. „Dass die Drinks auf mich gehen.“
„Guter Plan.“ Rob fuhr sich erneut durchs Haar. setzte seinen Fuß aufs Asphalt. Plötzlich war da wieder das Klingeln, gefolgt vom durchdringenden Ton einer Hupe. Eine solide weiße Wand krachte gegen seine Seite, hob ihn aus seinen Flipflops. Schmerz explodierte überall um ihn, dann wurde es nacht.
Heute hatte er kein Glück. Er wurde von einem Eiswagen überrollt.

 

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Dieser Text ist ein Beitrag  zur zehnten Rude des Projekts *.txt, bei dem Autoren 21 Tage haben, um zu einem gezogenen Wort einen Text zu verfassen. Mehr zum Projekt gibt es hier, das Wort der zehnten Runde war Glück.

Ein Blick dahinter

Es ist noch da, das alte Mietshaus. Einsam, ausgegrenzt steht es am Ende der Straße und blickt mich mit großen, dunklen Fenstern an. Der Zahn der Zeit hat ihm zugesetzt, seine Fassade ist ergraut, mit Rissen überzogen. Lange ist es her, dass ich zuletzt hier war. Damals, im Studium.
Ich wechselte mein Heim jedes Semester, immer auf der Suche nach einer noch billigeren, zugleich weniger schäbigen Absteige. Mietfreie Ferien, das war meine Devise. In der ganzen Stadt wohnte ich, nirgends hielt es mich lang – auch danach nicht. London, Paris, Tokyo … mehr Stationen auf meinem Weg als Finger an meiner Hand. Immer auf Achse, nirgends verhaftet.
Außer hier.
Das alte Mietshaus, mein Fels in der Brandung. Schon damals knirschten und knarzten die Böden, pfiff der Wind durch alle Ritzen, waren die Dächer undicht, die Fassade rissig. Hier und da Blumen in den Fenstern, ein Klecks Farbe im tristen Grau. Tag für Tag verabschiedeten wir uns hier, direkt davor, auf der Straße. Es war für mich Ehrensache, dich heimzubringen, wohntest du doch so schäbig wie zentral, direkt neben der Universität. Mein Weg führte immer vorbei, wo ich auch wohnte.
Jeden Tag blieben wir stehen, sahen uns an. Das Gespräch verstummte, wechselseitiges „Da wären wir“ – „Ja.“ – „Bis morgen.“ – „Ja. Bis dann.“ Unser tägliches Ritual.
Doch dann kam der Regen, dicke, schwere Tropfen überraschten uns, trieben uns hinein. Mein erster Blick hinter die Fassade, auf die in grellem Grün gestrichenen Türen, die Graffitis im Treppenhaus. Das rauchende Krokodil, die politischen Parolen von Steuerreform und Klassenkampf.
Deine Tür, das schiefhängende Klingelschild, die abgegriffene Klinke. Die kaputte Tür deines Kleiderschranks, die abgenutzten Sessel, zwei ungleiche Zwillinge. Der eine tief und einladend mit grüngelbem Karo, der andere aus braunem Leder mit mächtigen Armlehnen. Du kochtest Kaffee, ich höre noch heute das Gurgeln der Maschine und das stete Tropfen der undichten Decke.
Wir hängten unsere nassen Jacken über die Heizung, sahen nach draußen, warteten vergebens auf das Ende des Regens bis spät in die Nacht …
Das Haus ist noch da, doch wo bist du? Unsere Diplome öffneten uns die Welt, Abenteuerlust entriss uns. Nur das Haus blieb hier.
Allein.

 

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Dieser Text ist ein Beitrag  zur siebten Rude des Projekts *.txt, bei dem Autoren 21 Tage haben, um zu einem gezogenen Wort einen Text zu verfassen. Mehr zum Projekt gibt es hier, das Wort der siebten Runde war Fassade.