Valentinstag

Die Tür fiel schwer ins Schloss. Laura seufzte und ließ sich erschöpft auf der kleinen Bank in der Diele nieder, um sich aus ihren Stiefeln zu quälen.
Was für ein Tag. Viel zu lang. Viel zu viel. Es war, als hätte im Büro eine Bombe eingeschlagen. Arbeit an allen Ecken und Enden, schier endloses Papiergeraschel und Tastaturhämmern, bis sich die erbarmungslose schwarze Schrift des Bildschirms auf ewig in ihre Netzhaut einzubrennen schien.
Und abends eine verspätete und vollgestopfte Straßenbahn. Zur Krönung eine halbe Stunde Sardine spielen, eingepfercht zwischen schwitzenden Leibern und gefühlten dreihundert Kopfhörern mit Alle-mithören-lassen-Funktion.
Mit letzter Kraft stellte sie ihre Stiefel ordentlich hin, hängte ihre Jacke auf – und schnupperte. War das nicht Bratenduft, der aus der Küche drang? Kochte Jochen etwa?
Einen kurzen Moment rang sie mit sich selbst. Eigentlich wollte sie sofort nach oben, sich aus den Arbeitsklamotten schälen, duschen, etwas bequemes anziehen, etwas zum Gammeln. Aber ihr Magen legte laut knurrend sein Veto ein und erinnerte vehement an die ausgelassene Mittagspause, die drei Alibi-Kekse und den Kaffee.
Zuerst in die Küche.
Auf dem Weg dorthin hörte, nein, fühlte sie ein sanftes Knistern. Ihr Blick glitt zu Boden. Blätter, rote Blätter. Rosenblätter.
Sie runzelte die Stirn, ging weiter. Himmlischer Duft stieg ihr in die Nase, als sie die Küche betrat. Jochen bugsierte gerade eine dampfende Pfanne vom Herd zum Tisch, wo er beinahe eine brennende Kerze umstieß. Ein großer Blumenstrauß stand auf dem Tisch.
Laura fühlte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief – und das Blut in ihre Wangen schoss. Verflixt. 14. Februar.
„Da bist du ja!“ Jochen strahlte ihr entgegen, stellte die Pfanne ab, wischte sich die Hände an der Schürze ab – er trug tatsächlich eine Schürze, Laura traute ihren Augen kaum – und ließ es sich nicht nehmen, ihr den Stuhl zurechtzurücken. „Setz dich, schnell. Sonst wird es kalt!“
Laura wollte protestieren, doch er schob sie sanft an ihren Platz, klatschte liebevoll ein zartes Fischfilet und eine riesige Portion Salzkartoffeln auf ihren Teller und goss ihr ein Glas Wein ein, ehe er ihr gegenüber Platz nahm.
„Ach, Jochen…“, begann sie.
Aber er winkte ab, wischte all ihre Einwände und Entschuldigungen mit einer Geste zur Seite. „Iss! Du siehst halb verhungert aus.“
Sie ließ sich das nicht zweimal sagen – es schmeckte vorzüglich. Seit sie zusammenlebten, hatte sie Jochen nur selten beim Kochen erlebt. Immer waren es kurze, einfache Gerichte gewesen, ohne großartigen Aufwand, nichtsdestotrotz lecker. Aber heute hatte er sich selbst übertroffen.
In Windeseile hatte sie ihren Teller geleert und schob ihn seufzend von sich. „Wow.“
„Freut mich, wenn es dir geschmeckt hat.“ Er lächelte. Sein Teller war noch nicht mal zur Hälfte leer.
Wie schnell war ich denn? Sie fühlte ihre Wangen rot werden und nippte hastig an ihrem Weinglas.
„Und wie es das hat! Es war einfach fantastisch! Aber…“
„Warte.“ Er legte sein Besteck hin, sprang auf und zog umständlich eine große weiße Stofftasche unter der Anrichte hervor. „Hier, für dich.“ Er reichte sie ihr über den Tisch hinweg.
Laura nahm die Tasche vorsichtig entgegen, sorgsam darauf bedacht, ihr Weinglas nicht umzustoßen. Nicht noch eine Tischdecke sollte durch sie den Fleckentod sterben. Sie stellte sie vorsichtig auf dem Tisch ab, lugte hinein. Zum Vorschein kam eine riesige Packung Zartbitter-Pralinen und ein kleines, in rotes Papier eingeschlagenes Päckchen.
Behutsam riss sie es an einer Ecke auf und förderte seinen Inhalt zu Tage. Sie musste unwillkürlich grinsen, als sie die schwarzen Spitzen sah.
„Ach je, Jochen.“ Sie verzog gespielt das Gesicht. „Der ganze Aufwand nur, damit ich das anziehe?“
„Äh, ich, naja…“ Er druckste herum, wurde rot wie eine Tomate.
Sie beugte sich vor und gab ihm über den Tisch hinweg einen Kuss. „Da ist es ja gut, dass ich dir gar nichts schenke…“

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