4. Der Gentleman (Florian Waldner)

Lucy wusste, dass alle Blicke auf sie gerichtet waren. Der Schankraum des Saloons war beinahe leer. Der Bartender. Eine kleine Pokerrunde. Ein Oldtimer, der schon den ganzen Tag an derselben Whiskeyflasche kämpfte. Und Lucky James‘ Mädels, die in einer Ecke lungerten und tuschelten.
Und alle starrten sie an.
Lucy gab sich Mühe, es nicht zu bemerken. Nervös nippte sie an ihrem Glas Wasser. Schon die Bestellung war die reinste Tortur gewesen. Bier schmeckte eklig, Wein ließ sie vielleicht billig wirken … und Tee? Als ob es hier Tee gäbe …
Er hatte einfach vor ihr gestanden. „Verzeihen Sie, Miss.“ Seine sonore Stimme hatte sie ganz aus ihren Gedanken gerissen. „Ich glaube, das gehört Ihnen.“ Er hielt ein weißes Taschentuch hoch, mit Rosen bestickt.
Ihr Taschentuch. Sie musste es verloren haben.
„Danke“, hatte sie entgegnet. Es verlegen entgegengenommen.
„Mein Name ist Edward. Edward Garrett.“ Er zwirbelte an seinem schwarzen Schnurrbart, keinen Zentimeter zu kurz oder zu lang. „Sind Sie neu in der Stadt, Miss …?“
„Barlow. Lucy Barlow.“ Sie begegnete seinem Blick, seinen grauen Augen. „Ja, ich bin eben erst angekommen.“
„Nun, wenn das so ist, dann wäre es mir eine Ehre, wenn Sie morgen mit mir speisen würden. Ich diniere jeden Tag um Punkt acht Uhr im Golden Cow.“ Er lächelte, als sie mit der Antwort zögerte. „Lehnen Sie nicht ab. Ich bestehe darauf.“
Und nun saß sie hier. Fünf Minuten vor acht. Sie war zu früh, doch Edward wirkte nicht wie ein Mann, den man leichtfertig versetzte. Vom Scheitel bis zur Sohle adrett gekleidet. Sein Hemd war makellos, seine Manschetten poliert. Und er nahm den Hut ab, wenn er mit einer Frau sprach …
Natürlich waren ihr die zwei blitzenden Revolver an seiner Hüfte nicht entgangen. Doch Edward war ein Gentleman durch und durch – ganz anders als die Viehtreiber, die sich sonst auf Abilenes Straßen tummelten, sie mit den Blicken auszogen und ihr unflätige Bemerkungen hinterherriefen …
Sorgsam strich Lucy ihr Kleid glatt. Sie reiste mit leichtem Gepäck, es war das Beste, das sie hatte: Rot, lang, elegant. Lediglich der Ausschnitt … nie hätte sie gewagt, das Kleid in Boston zu tragen. Die Leute … sie hatte einen Ruf zu verlieren. Aber hier? Es war vielleicht ihre einzige Chance, Edward für sich …
Ein Raunen ging durch den Raum. Ein Raunen? Nein. Stille. Schlagartig verstummten alle Gespräche.
Edward war auf der Treppe erschienen, die nach oben zu den Zimmern führte, und hatte alle Blicke auf sich erzogen.
Lucys Herz machte einen Hüpfer.
Langsam stieg er herab, durchschritt den Raum und nahm Lucy gegenüber Platz. „Entschuldigen Sie die Verspätung.“ Die Standuhr an der Wand schlug Acht. „Ich konnte mich nicht gleich für eine Krawatte entscheiden.“ Seine Zähne strahlten weiß, als er lächelte.
Im selben Moment trat der Wirt an ihren Tisch und stellte mit zitternden Fingern dampfende Teller, Gläser und eine Flasche Rotwein ab.
Edward dekantierte ihn fachmännisch, roch am Korken, nickte wohlwollend. „Probieren Sie das Steak, es ist das beste diesseits des Mississippi.“
Gluckernd entleerte sich die Flasche.
Er griff zum Besteck und schnitt ein perfektes Stück vom Fleisch ab. Kauend sah er sie an.
Lucy spielte nervös mit einer Haarsträhne. Sollte sie es wagen, sich vorzubeugen …? Worüber sollte sie sprechen? Sollte sie von Boston erzählen?
„Wissen Sie, Mr. Garrett …“ Sie strich sich die Strähne hinters Ohr. „In Boston haben wir …“
Ein lautes Poltern unterbrach sie. Die Tür flog auf, zwei bullige Männer traten ein. Ihre Kleidung war abgerissen, die Hosen speckig. An ihren Hüften hingen Colts. „Garrett!“, bellte der eine, während der andere höhnisch lachte. „Wir haben mit dir zu reden!“
Edward verzog keine Miene, schob ruhig ein weiteres Stück Steak in den Mund.
„Hast du uns nicht gehört?“ Die Männer kamen näher. Sporen klirrten bei jedem Schritt. „Wir sind wegen dir hier, du miese kleine Ratte.“ Nur wenige Schritte entfernt blieben sie stehen.
Ihr Gestank stach Lucy in die Nase. Sie versuchte verzweifelt, nicht das Gesicht zu verziehen.
Edward hob die Hand. „Bitte, meine Herren, wir essen gerade.“
„Und wenn schon!“ Der erste spuckte auf den Boden. „Deine kleine Schlampe läuft dir schon nicht weg!“
Der andere brummte zustimmend. „Wir werden uns schon um sie kümmern …“ Er griff sich in den Schritt. „Sie soll ja nicht einsam sein …“
Edward legte seufzend das Besteck weg und tupfte sich mit einer Serviette den Mund ab. „Bitte entschuldigen Sie, Miss Barlow, aber diese Gentlemen hier …“
„Hast du das gehört, Nick? Gentleman!“ Der erste lachte, der andere, Nick, stimmte mit ein: „Die Damigkeit möge verzeihen, aber unser einen und Mr. Stil-im-Arsch erwarten dringlichste Geschäftlichkeiten.“ Er tätschelte seinen Revolver.
Lucy lief ein Schauer über den Rücken.
Edward legte die Serviette weg. Im selben Moment zerriss ein ohrenbetäubender Knall die Situation.
Nick riss erstaunt die Augen auf – und fiel um.
Ein zweiter Knall folgte, zerfetzte das Weinglas vor Edward. Ein Splitter riss Lucys Wange auf, Wein besprenkelte ihr Kleid.
Grauer Rauch stieg von Edwards Hand auf.
Auch der zweite Mann fiel um.
Edward schüttelte den Kopf und schob die Derringer-Pistole zurück in seinen Ärmel. „Wo waren wir? Ach ja, Boston! Eine herrliche Stadt. Sie wollten erzählen, dass …?“

 


Der heutige Text stammt aus meiner eigenen Feder und ich möchte die Gelegenheit einmal nutzen, allen Autoren des #Projekt24 herzlich für ihre Mitarbeit und ihre tollen Texte zu danken. Wer noch nicht genug von mir hat, der findet mich auch auf Facebook und Twitter – und natürlich sonst hier auf dem Tintenfleck!

Kein kühles Blondes

Lange Schatten eilten den drei Männern voraus, als sie langsam in die Stadt ritten. Sie boten ein jämmerliches Bild: Zusammengesunken saßen sie auf ihren Pferden, voller Staub, die Hüte zum Schutz vor Sand und Sonne tief ins Gesicht gezogen. Jim hatte sie schon von weitem erspäht – zerlumpte Gestalten auf abgetriebenen Gäulen, das war nie ein gutes Zeichen. Besonders nicht, wenn der einzige gepflegte Teil ihres Äußeren die Revolvergürtel waren … Seufzend erhob er sich von seinem schattigen Plätzchen und trat den Männern entgegen, die sofort ihre Pferde anhielten. Der Mittlere von ihnen schob sich den Hut aus der Stirn und sah Jim lange an. „Was willst du?“
„Das wollte ich eben euch fragen.“, erwiderte Jim und ließ seine Arme lässig baumeln.
„Wir kommen aus der Wüste und haben einen langen Ritt hinter uns. Wir wollten hier ein wenig rasten.“
„Aus der Wüste?“ Jim runzelte die Stirn. Nur Verbrecher ritten freiwillig durch die Wüste… „Ihr Galgenvögel seht lieber zu, dass ihr weiterkommt. Das hier ist eine friedliche Stadt, und so soll es auch bleiben.“
„Wir haben nicht vor, hier Ärger zu machen, Sheriff.“, erwiderte der Mittlere und seine Kumpanen nickten. „Alles, was wir wollen, ist ein kühles Blondes….“
„….und danach vielleicht eine warme Blondine“, warf der Rechte ein und lachte.
Im selben Moment nahm Jim links von sich eine hastige Bewegung wahr. Seine Hände schnellten nach unten. Ein Schuss zerriss die Stille über der Stadt.

Der linke Reiter schrie getroffen auf, wankte im Sattel, legte erneut an.

Jim jagte eine zweite Kugel hinterher, und warf sich in den Staub. Keine Sekunde zu früh. Zwei Kugeln pfiffen knapp über ihn hinweg, rissen ihm den Hut vom Kopf. Hastig feuerte Jim auf das erstbeste Ziel, das er hatte: Das Pferd des Mittleren bäumte sich auf, warf seinen Reiter ab und vereitelte einen weiteren Schuss des Rechten. Fluchend rappelte Jim sich auf, rannte über die Straße und warf sich hinter einen Wassertrog. Eine Kugel ließ das Wasser meterhoch aufspritzen, eine weitere zerschlug die Scheibe des Hauses dahinter.

Ein kurzer Blick über den Rand des Wassertroges zeigte, dass die beiden Männer Schutz hinter einigen Fässern auf der anderen Straßenseite suchten. Er nutzte seine Chance und traf den einen in den Rücken. Sein Kumpan ging fluchend in Deckung, Jims nächste Kugel schlug nutzlos ein Loch in die Wand. Die Antwort ließ nicht auf sich warten, mehrere Kugeln durchlöcherten in schneller Folge den Wassertrog. Ohne zu zielen feuerte Jim eine Kugel als Antwort ab und spähte dann über die Straße. Gerade eben erhob sich auch sein Gegner hinter dem Fass, um zu zielen. Jim nutzte seine Chance und traf ihn direkt zwischen die Augen.

Schwer atmend erhob er sich aus der Schlammpfütze, die sich inzwischen hinter dem Wassertrog gebildet hatte, die Waffe hoch erhoben. Erst nachdem er sich vergewissert hatte, dass keiner der drei Männer sich mehr regte, steckte er seinen Sechsschüsser zurück ins Holster.

Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Was für ein Glück, dass niemand mitgezählt hatte.

High Noon

Die Sonne brannte mörderisch vom Himmel und verwandelte die Welt in einen glühenden Backofen. Der Vormittag war dahin, die Schatten wurden kürzer.
Alles war ruhig in N. – niemand setzte sich freiwillig der sengenden Hitze aus. Die Menschen blieben zu Hause, legten sich nach einem kärglichen Mittagessen hin oder vertrieben sich beim Kartenspiel im Saloon die Zeit.
Nur ein dicker Mexikaner saß am Straßenrand und döste, vor der Sonne durch seinen Sombrero geschützt.
Ein einsamer Hund tappte ziellos über die Hauptstraße, schnüffelte an Tonnen mit Abfall und markierte sein Revier.
„Ei, Carramba!“, rief der Mexikaner, als der Hund ihn bepinkelte.